Sechs Erkenntnisse aus der Prävention. Unser Autor hat das gesundheitliche Vorsorgeprogramm der Rentenversicherung ausprobiert: RV Fit.

1 Meine Ampel steht auf Rot
Meine Leukozyten, Erythrozyten und alle anderen Blut- und sonstigen Werte sind okay, hat die freundliche Ärztin gestern gesagt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht, sagt mir jetzt die noch freundlichere Psychologin: Meine Stressampel steht auf Rot. Ich arbeite zu viel, ich fühle mich zu stark unter Druck, ich fühle mich zu allein in meiner Arbeit. Hier, im schönen Centrum für Prävention im noch schöneren Bernried am Starnberger See nimmt man es genau mit dem Messen von Stress. Hat mich eine Batterie an Fragebögen ausfüllen lassen. Die Skalenwerte zeigen, wie gestresst ich bin. Einerseits. Dass ich mir viel aufhalse, dass ich mit mir selten zufrieden bin – das alles ist nicht neu. Ich wache häufig nachts auf, mache deutlich mehr Fehler und vergesse Dinge häufiger als normalerweise. Deshalb habe ich mich ja für die Stresspräventionswoche angemeldet. Dass diese Vorsorge tatsächlich so dringend nötig ist, wusste ich nicht. „Jetzt wissen Sie es, und das ist doch mal ein erster Schritt“, tröstet mich Frau Kohl, die Psychologin. Wäre es wirklich ernst, wäre statt Prävention eine Reha angezeigt. Aber sie sagt ja auch: Meine Berufszufriedenheit sei offenbar extrem hoch, das sei doch schön. Ich müsse nur aufpassen, dass ich mich von meiner Begeisterung nicht auffressen lasse. Dass ich als Coach Menschen zu Burnout- und Stressprävention unterstütze, macht die Sache nicht leichter: „Ich müsste doch eigentlich …“ „Ausgerechnet ich …“, denke ich in so mancher schlaflosen Nacht am Starnberger See, an der weder das Vogeltschirpen vor dem Fenster noch das kuschelweiche Klinikkissen schuld ist.

2 Mein Stress ist nicht dein Stress
„Stressmanagement, Teil 1“ steht am nächsten Morgen auf dem Stundenplan mit den vielen bunten Kästchen. Die Teilnehmer in meiner Gruppe sitzen – schön auf infektionskrankheitenhinderlichem Abstand– im Seminarraum und erzählen einander, wer wann wie in Stress gerät: Die äußerlichen und innerlichen Mechanismen sind bei jedem von uns anders. Von Kunden genervter Handwerker der eine, dauernd unterbrochene Bürokraft die andere, zahlengetriebene Führungskraft die übernächste, von Ende 30 bis Ende 50: So unterschiedlich wir sind, so verschieden die Stress-Auslöser und -Verstärker. Und so unterschiedlich die Stress-Anzeiger: Manche naschen, andere trinken zu viel, manche haben Probleme wegen zu schnellem oder zu aggressivem Fahrstil. „Das sind uralte Programme, die sich da in Ihnen abspielen“, sagt Frau Kohl, die Psychologin mit dem sympathischen oberbayerischen Zungenschlag, den auch noch die Norddeutscheste unter den Preußen versteht. Der Stress an sich sei nicht das Problem: „Erholungsmangel ist das Problem, die dauerhafte Überlastung. Die führt zu chronischem Stress.“

3 Gegen Stress kann ich andenken
Unser Gehirn stammt aus Säbelzahntigerzeiten. Ärger, Frust, Angst haben in unserem Gehirn eher Heimvorteil – Freude, Gelassenheit, Interesse und andere positive Emotionen haben eher Auswärtsspiel. Eine Art Klettband für das Negative, Teflon für das Positive, das beweisen Aufnahmen der Hirnaktivität. Evolutionsgeschichtlich ist das sinnvoll, denn durch diese inneren Alarmanlagen haben wir den Säbelzahntiger oder die giftige Kirsche fix erkannt. Der moderne Mensch will gemäß diesen Automatismen immer noch kämpfen oder flüchten – im Stau oder im Kundengespräch ist das aber eher ungünstig. In schlaflosen Nächten male ich mir das Schlimmstmögliche aus. Aufgaben planen und in Teilschritte zerlegen; Hindernisse im Voraus mitdenken, mir den Zielzustand
vorstellen: Mit solchen Denk-Techniken können wir Stress vermindern lernen. Vor lauter Mitschreiben bekomme ich abends das Weißbierglas im Kellerstüberl kaum zum Prosten angehoben – ich scheine viel gelernt zu haben.

4 Gegen Stress kann ich etwas tun
Tag vier, das blaue Kästchen auf dem Stundenplan ist dran, „Stressmanagement, Teil 2“. „Mit der 4-A-Technik können Sie eine Stressreaktion abschwächen“, erklärt uns die Psychologin: A für Annehmen der Situation; A für Abkühlen, durch Ausatmen oder Bewegung; A für Analysieren dessen, was ich tun könnte, wie schlimm es wirklich ist etc.; und A wie Aktion oder Ablenkung. Das helfe kurzfristig, wenn alles zu viel wird. Und langfristig? Wir sammeln Ideen – und teilen sie in der Gruppe. Ich nehme mir vor, auf den Freitag keine Termine oder zumindest Reisetage mehr zu legen. Und dafür mehr Bergtouren zu machen. Und mehr Zeit mit den Kindern einzuplanen scheint auch eine gute Idee zu sein.

5 Mein Körper will mitreden
„GriaßEichbeimKraftln! IbindaStefan.“ Auf Hochdeutsch: „Hallo zum Krafttraining! Ich bin Stefan.“ Trotz Maske empfängt uns die oberbayerische Frohnatur gut gelaunt im Keller. „Ma deafs a schee hom im Lem“, sagt er. „Man darf es auch schön haben im Leben“, übersetze ich der ratlos dreinblickenden Holsteinerin auf dem Fitness-Fahrrad. Zu viele Pfunde, zu wenig Bewegung, Rückenschmerzen: Bei einigen zeigt sich der Stress am Leib. Dafür das Sportprogramm: Mal mit Nordic-Walking-Stöcken durch den Höhenrieder Schlosspark, vorbei am Gehege mit den weißen Hirschen; mal mutet uns die gnadenlos freundliche Sonja Kräftigungsübungen mit dem Theraband zu; mal erklärt uns Stefan, wie man Kraftgeräte optimal nützt – Frequenz, Gewicht, Position. Ich mache viel Sport, aber bekomme hier wertvolle Tipps zur Kräftigung meines durch viele Online-Meetings verkrümmten und verkümmerten Oberkörpers. Wir bekommen in Vorträgen erklärt, wie viele Stück Würfelzuckerin einer Traubenschorle sind (unfassbar viele), wie eine gesunde Schlafarchitektur aussieht. Am meisten begeistern mich die Atemübungen, die hochwirksam, immer und überall durchzuführen sind. Die müssen in meinen Alltag – mindestens jeden zweiten Tag!

6 Kampf gegen Stress ist ein Marathon – kein Sprint
Die Gewohnheiten, die uns stressen, wird keiner über Nacht los. Und so streckt sich das Programm etappenweise über ein Dreivierteljahr. Ein paar Wochen nach der Klinik schreibt mir eine Teilnehmerin: „Was super ist und mir persönlich sehr hilft, ist das Aktivitäten-Tagebuch. Das führe ich auch weiter.“ Mit den Achtsamkeitsübungen habe sie sich schwergetan. Mir geht das gerade anders: Das Tagebuch? Für mich eine zusätzliche Aufgabe, die mich stresst. Die Atem und Entspannungsübungen? Helfen mir sehr – wenn ich sie mache. Und das könnte noch häufiger sein. Dabei helfen hoffentlich die Auffrischungstage. Dafür darf ich ja noch mal an den Starnberger See.